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Prävention von Essstörungen

  • Ab Klassenstufe 5

Insbesondere Jugendliche sind gefährdet, eine Essstörung, zum Beispiel im Rahmen einer Diät, zu entwickeln. Daher ist es wichtig, auch in der Schule über dieses Thema zu sprechen. Die Schulsozialarbeit unter der Leitung von Anna Johannsson hat für den neunten Jahrgang als Referentin Sabrina Scharf eingeladen. Die 44-Jährige war selbst zehn Jahre magersüchtig und befindet sich weiterhin auf dem langen Weg der Genesung. „Es fehlen noch ein paar Kilos“, sagte sie.

Gleich zu Beginn ihres 90-minütigen Vortrags weist Sabrina Scharf die Schülerinnen und Schüler darauf hin, dass sie keinen Fachvortrag halten werde, und dass alle Emotionen, ob nun Ekel, Weinen oder Lachen, erlaubt seien. Zum Einstieg erläutert sie kurz die drei bekanntesten Essstörungen: Anorexie (Magersucht), Bulimie (Ess-Brech-Sucht) und die Binge-Eating-Störung (Essattacken).

Sie erklärt, dass eine Essstörung zumeist tief in der Psyche ihren Grund habe: Geringes Selbstwertgefühl, Mobbing in der Schule, sich unbeliebt fühlen, Scheidung der Eltern, hoher Schulstress, etc. Außerdem weist sie darauf hin, dass es eine Sucht sei und bittet die Schülerinnen und Schüler um weitere Beispiele von Süchten. Diese nannten: Spielsucht, Sucht nach Alkohol, Drogen und Nikotin. Genau wie andere Süchtige, so berichtet sie, habe sie täglich gelogen und betrogen. Sie ist sich sicher, dass ihr Umfeld bis heute nicht die ganze Wahrheit kennt. Das alles diente dazu, die Sucht möglichst zu vertuschen.

Ihre Magersucht entwickelte sie relativ spät, und zwar mit 30, nachdem sie bereits ein Kind bekommen hatte. Es begann ihren Aussagen zufolge mit einer Diät, als eines Morgens die Jeans nicht mehr passte. Sie beschloss abzunehmen. Zunächst ließ sie lediglich Genussmittel wie Chips und Schokolade weg. Nach den ersten Erfolgen wollte sie weitermachen. Sie begann, nur noch Light-Produkte zu kaufen und möglichst leichtes Essen zu sich zu nehmen. Die nächste Steigerung war das Weglassen von Mahlzeiten oder das Ersetzen durch einen Joghurt oder einen Apfel. Inzwischen hatte sie ein Stadium erreicht, in dem sie schon lange hätte zufrieden sein sollen. Doch sie war nie zufrieden. Das war der Beginn der Spirale nach unten. Sie entwickelte panische Angst zuzunehmen. An Tagen, an denen sie „Diätbrecher“ war, fühlte sie sich den ganzen Tag schlecht und schuldig. „Die Stimme der Magersucht“, wie sie das nannte, wurde immer lauter, war wie ein „zweites Ich“. Sie wies darauf hin, dass sie als Betroffene Wahrnehmungsstörungen hatte. Trotzdem sie immer weniger wurde, sah sie sich selbst im Spiegel im dicker. Allerdings wusste die Referentin zu berichten, dass Essstörungen nicht immer sichtbar seien. Es gibt normal- oder sogar übergewichtige Menschen, die auch betroffen sind.

Im nachfolgenden Teil beschäftigte sie sich mit den Folgen der Magersucht, von denen viele einem Außenstehenden gar nicht bewusst sind. Was passiert, wenn dem Körper immer mehr Nahrung entzogen wird? Zunächst werden die Fettreserven aufgebraucht. Danach bedient sich der Körper der Muskeln, um daraus Energie zu gewinnen. Sie wies eindringlich darauf hin, dass man bedenken solle, dass beispielsweise auch das Herz ein Muskel sei. Das ist der Grund, weswegen Magersüchtige oft an Organversagen sterben. Auch sie hätte fast mit Mitte 30 einen Herzschrittmacher benötigt! Sie hatte kaum noch Puls, kaum Blutdruck. Sabrina Scharf hatte den Mut, auch unangenehme Themen anzusprechen. Noch einmal ging es um das Thema Muskeln. Der Beckenbodenmuskel und der Schließmuskel werden bei Magersüchtigen ebenfalls geschwächt, so dass man den Gang zur Toilette oft nicht mehr rechtzeitig schafft. Mehrfach, so erzählte sie, habe sie sich in die Hosen gemacht. Windeln zu tragen kam nicht in Frage, weil sie sich nicht eingestehen wollte, keine Kontrolle mehr über den eigenen Körper zu haben. Doch nicht nur organisch macht diese Erkrankung etwas mit den Betroffenen. Sie berichtete, dass sie in den zehn Jahren zumeist traurig, depressiv, dünnhäutig und sogar aggressiv war. Dadurch habe sie viele Freunde verloren. „Man ist nicht mehr sozialtauglich“, schilderte sie. Zudem lasse die Konzentrationsfähigkeit nach, so dass Betroffenen es schwer fällt, sich an Gesprächen zu beteiligen, ohne vom Thema abzuschweifen. Die Gedanken kreisen im Grunde 24 Stunden um „essen oder nicht essen“ und Kalorien. Einer Studie zufolge schrumpft sogar das Gehirn. In der Genesungsphase baut sich das Gehirn langsam wieder auf. Auch das Herz und die Leber regenerieren sich. Dennoch mahnt sie: „Magersucht ist die psychische Erkrankung mit der höchsten Todesrate!“ Was sich nicht regeneriert, sind die Knochen. Sie selbst habe nur noch die Knochendichte einer 86-Jährigen, sagte sie. Daher muss sie stets auf sich aufpassen, insbesondere bei sportlichen Aktivitäten, denn ihre Knochen brechen schnell.

Um Ärger innerhalb der Familie zu vermeiden, bediente sich einiger Tricks. Entweder gab sie vor, schon unterwegs viel gegessen zu haben, so dass sie zur gemeinsamen Mahlzeit nur einen Salat zu sich nahm. Oder sie hatte in der Küche zu tun, während ihre Familie im Esszimmer aß. So konnte sie unbemerkt statt einer kalorienreichen Scheibe Toast mit Nutella kaltes Sauerkraut oder 28 Gramm Haferflocken frühstücken. Beim Einkauf im Supermarkt brauchte sie inzwischen eine kleine Ewigkeit, um auf allen Produkten die Kalorien und Nährwerte zu vergleichen. Ein Schlüsselerlebnis war eine Einladung ihrer Eltern zu einem Grillabend. Aufgrund der Entfernung sieht sie ihre Eltern seltener. Als der Vater die Tür öffnete, weinte er still bei ihrem Anblick. Sie schämte sich. An diesem Abend wollte sie etwas ändern und hat alles gegessen. Dieser gute Vorsatz war jedoch am nächsten Morgen bereits verflogen.

„Durch eine Essstörung wird man nicht attraktiv!“, mahnte Scharf. Sie erwähnte in diesem Zusammenhang beispielsweise den massiven Haarausfall, unter dem auch sie litt. Sie hatte solche Kahlstellen, dass sie sich sogar Haar verpflanzen ließ. Außerdem entsteht am ganzen Körper, weil dieser ständig friert, eine verstärkte Behaarung, eine Art Flaum.

Zwei Ereignisse bewogen sie schließlich zu einer Therapie. Ihre beste Freundin brach den Kontakt bewusst ab, da sie die Lügen nicht mehr ertrug. Und eines Tages stand ihre Tochter weinend vor ihr und bat sie, endlich wieder normal zu essen, da sie Angst hatte, ihre Mutter zu verlieren. Damit begann ihr Kampf, wie sie es nannte. Es war wie ein kalter Entzug, denn sie begann zu essen, worauf sie jahrelang verzichtet hatte. Sie hatte extremen Hunger. Währenddessen brüllte in ihr die Stimme der Magersucht. Der ausgeprägte Hunger ist bis heute geblieben. Sie kann viel essen ohne merklich zuzunehmen. Aber selbst heute noch meldet sich die Stimme, was sehr demotivierend sein kann. Es koste viel Kraft, so erzählt sie, weiteren Diäten zu widerstehen. Manchmal kommen ihr sogar die Tränen beim Essen. Positiv sei, dass langsam wieder die Lebensfreude zurückkäme. An dieser Stelle gab sie einen wichtigen Rat: Man soll mit sich selbst glücklich sein, nur dann ist man attraktiv. Falsch sei es, den vermeintlichen Schönheitsidealen auf Instagram oder Tik Tok hinterher zu jagen. „Lernt euch wertzuschätzen. Seid glücklich mit euch. Dann seid ihr attraktiv.“

Am Ende verwies sie auf ihre Homepage mit weiteren Informationen, einem Gästebuch und ihren Kontaktdaten. Denn sie bietet Betroffenen gerne ihre Hilfe an.

www.sabrina-scharf.de

 

Text und Fotos: Claudia Brandt

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