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Achtung: In diesem Jahr gibt es aufgrund der aktuellen Lage leider keine Präsenz-Informationsveranstaltung an unserer Schule. Besuchen Sie uns im Videotalk am Mittwoch, den 09.02.2022, um 18.30 Uhr. Wir bitten um vorherige Anmeldung im Sekretariat (04834/2350 oder Schule-am-Meer.Buesum@schule.landsh.de).

Zeitzeugen berichten über die Atomkatastrophen

Veranstaltung im Rahmen der Aktionswochen für eine Zukunft nach Tschernobyl und Fokushima

Nach den Katastrophen von Tschernobyl (1986) und Fokushima (2011) wurde über die Medien umfassend informiert. Persönliche Eindrücke und Erlebnisberichte von Menschen, die eine der Katastrophen selbst miterlebt haben, sind in diesem Zusammenhang von besonderer Bedeutung, weil Zuhörer und Zuhörerinnen auf diese Weise vermittelt bekommen, wie es den Betroffenen wirklich ergangen ist, wie es ihnen heute geht und wie die Unfälle ihr Leben verändert haben. Daher war es für Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte der Schule am Meer (SaM) gleichermaßen spannend, eine Delegation aus Japan und der Ukraine für eine Veranstaltung an der eigenen Schule begrüßen zu dürfen. Ermöglicht hat diesen Thementag die Heinrich-Böll-Stiftung in Schleswig-Holstein. Martin Kastranek und Dr. Gilbert Sieckmann-Joucken von der Heinrich-Böll-Stiftung, der japanische Journalist Shu in Begleitung der Übersetzerin Chihiro Tanaka sowie die ukrainischen Zeitzeuginnen Nataliia Tereshchenko und Tetiana Semenchuk in Begleitung des Kieler Studenten und Übersetzers Danylo Momot waren zu Gast in der Büsumer Schule.

Nach kurzer Begrüßung durch Dr. Katharina Keil, die sich herzlich bei der Heinrich-Böll-Stiftung für das Ermöglichen dieser Veranstaltung bedankte, wurde ein kurzes Video über die atomaren Unfälle zur Einführung gezeigt. Dabei wurden auch die unterschiedlichen Ursachen – menschliches Versagen in Tschernobyl und gleich zwei Naturkatastrophen in Fukushima – erläutert.

Dann kamen die Zeitzeugen zu Wort. Tetiana Semenchuk war 20 Jahre alt, hochschwanger und lebte zum Zeitpunkt der Katastrophe in der modernen Stadt Pripjat. Die Stadt mit rund 40.000 Einwohnern war schön und grün, die Bevölkerung jung (durchschnittlich 30 Jahre). Es handelt sich dabei um die Stadt, die dem Reaktor am nächsten ist. Bis zum atomaren Unfall lebte Semenchuk dort sehr zufrieden. Als sich dann am 27.04.1986 die Atomkatastrophe ereignete, dachte sie: „Das Leben ist zu Ende!“ Pripjat ist heute eine Geisterstadt. Die Einwohner wurden damals mit Stadtbussen, Militärbussen und Zügen evakuiert. Es durfte nur das Nötigste mitgenommen werden. Auch Haustiere mussten zurückgelassen werden. Zunächst dachten einige, dass dies nur vorrübergehend notwendig sei.

Laborärztin Nataliia Tereshchenko erhielt im Sommer 1986 den Befehl, als Liquidatorin nach Tschernobyl zu gehen. Zugesichert wurden ein Aufenthalt von 20 Tagen und eine Stationierung rund 60 km entfernt vom Reaktor. Aus 20 wurden 33 Tage, der Einsatzort war in Wirklichkeit nur 9 km vom Unglücksort entfernt und zudem musste sie bis zu 14 Stunden täglich arbeiten. Ihre Aufgabe war es, am Mikroskop Abweichungen im Blutbild festzustellen. Jeden Morgen um 6.00 Uhr, so berichtete sie, kam ein Bus mit bis zu 40 Leuten, die untersucht werden mussten. Um 20.00 Uhr war erst Feierabend. Sie und ihre Kolleginnen und Kollegen hatten nur einen Kittel und eine OP-Maske und keinerlei Schutz vor Verstrahlung. Sie zeigte ein Gruppenbild in schwarz-weiß von ihrem Team. Von den abgebildeten Personen leben heute lediglich noch zwei. Doch auch sie hatte und hat mit starken gesundheitlichen Schäden zu kämpfen. Noch immer leidet sie an einer radioaktiven Verbrennung im Hals. Außerdem hatte sie mehrere OPs wegen Thrombose und einem Geschwür in der rechten Hand. Sie erzählte, dass insgesamt 250.000 Menschen als Liquidatoren tätig waren, darunter beispielsweise auch Friseure. Nicht vergessen kann sie einige dramatische Szenen, die sie bei den Neuankömmlingen in den Bussen tagtäglich erlebte. Die Menschen haben geweint, als sie ihre gute Kleidung abgeben mussten und zum Austausch minderwertige Kleidung bekamen. Außerdem wurden Familien getrennt, wenn bei einem Familienmitglied die Blutwerte schlecht waren und diese Person ins Krankenhaus musste. Mangels Erfahrung mit Opfern von Verstrahlung starben schwer betroffene Patienten, die anderen wurden ihren Ausführungen zufolge „irgendwie behandelt“. Generell waren die Leute wütend und traurig zugleich, dass sie alles verlassen mussten. Erschreckend war auch die Informationspolitik. In den Medien wurde zunächst von einem Brand im AKW gesprochen. Über das Ausmaß und die Folgen wurde so lange wie möglich geschwiegen. Der Vater von Tereshchenko war Physiker. Ihm war nach dieser Meldung sofort klar, dass es eine große Katastrophe war. Die Liquidatoren vor Ort wurden ebenfalls gezwungen, keine Informationen nach außen zu tragen. Aus der Klinik durfte die Laborärztin einmal pro Tag mit ihrer Familie telefonieren. Es war ihr untersagt, über die katastrophalen Arbeitsbedingungen zu sprechen. Bei Zuwiderhandlung wurde die Leitung sofort gekappt. Auch nach Rückkehr wurden den Liquidatoren auferlegt, nur dosiert über das Erlebte zu sprechen. Nataliia Tereshchenko berichtete auch von ihren Erlebnissen nach Feierabend rund um das Klinikgelände. So beobachtete sie eine Ente mit ihren Küken. Am Folgetag waren alle Küken verendet. Außerdem erzählte sie von Katzennachwuchs, der teilweise mit erschreckenden Missbildungen, zum Beispiel mit zwei Köpfen, zur Welt gekommen war. Aufgrund fehlender Aufklärung verzehrte die Bevölkerung vielfach kontaminiertes Fleisch, Obst und Gemüse sowie Grundwasser. Erst zu einem späteren Zeitpunkt wurden Experten zur Überprüfung der Nahrungsmittel auf Verstrahlung eingesetzt.

Shu ist eigentlich Journalist und hatte sich nach dem atomaren Unfall in Fokushima inkognito als Arbeiter eingeschleust, um die wahren Umstände zu erleben. Auch hier und trotz moderner Medien wurden der Bevölkerung Informationen verschwiegen. Die Arbeit als Liquidator war freiwillig. Im Gegensatz zu den Aufräumarbeiten in Tschernobyl stand den Arbeitern auch Schutzkleidung zur Verfügung. Doch bei Temperaturen über 50 Grad war es äußerst anstrengend, in den Schutzanzügen zu arbeiten. Shu berichtete, dass die Evakuierten in einem Container-Dorf untergebracht wurden. Betroffene Kinder wurden an den Evakuierungsorten von den anderen Kindern ausgegrenzt. Im Jahr 2017 wurde die Bevölkerung jedoch zur Rückkehr gedrängt. Ferner wusste Shu zu berichten, dass die Menschen der Präfektur Fokushima ihre eigenen Anbauprodukte essen mussten.

Nach den Erlebnisberichten der Zeitzeugen teilte sich die Gruppe auf, so dass Tetiana Semenchuk, Nataliia Tereshchenko und Shu den Schülerinnen und Schülern in kleineren Gruppen weitere Fragen beantworten konnten.

Der Schultag endete mit einem Planspiel. Zuvor hatten sich die Schülerinnen und Schüler gruppenweise zu folgenden Themengebieten vorbereitet: Elektromobilität, persönliche Freiheit durch individuelle Mobilität, ÖPNV, autofreie Innenstädte und Tempolimit. Nach der Mittagspause wurden diese Themen in Form einer Podiumsdiskussion diskutiert. Dr. Katharina Keil fasst zusammen: „Schnell wurde klar, dass zum Thema ‚Tempolimit‘ die Positionen recht weit auseinander lagen. Immerhin konnte man sich darauf einigen, ein Tempolimit nicht komplett abzulehnen, wenn auch z.T. mit Vorschlägen einer höheren Geschwindigkeit (etwa 150 km/h) als Begrenzung. Die Argumente der Gruppe ‚persönliche Freiheit‘ gingen ebenfalls stark in diese Richtung. Den Vorschlägen zu autofreien Innenstädten wurde überwiegend mit Zustimmung begegnet, dass es Regelungen für Gewerbe und Lieferverkehr geben müsste, wurde allerdings auch deutlich. Gut dazu passte die Argumentation der ÖPNV-Gruppe, die sehr ausführlich und konkret darlegte, wie der ÖPNV im ländlichen Raum und in Städten gestaltet werden könnte. Auch das Publikum schaltete sich mit Ergänzungen und Zwischenfragen, wie etwa zur Baustellenproblematik und zu Finanzierungsfragen, ein. Obwohl nicht in allen Punkten Einigung erzielt werden konnte, hat die Diskussion verschiedene Perspektiven in Bezug auf die Mobilität der Zukunft eröffnet und zum Weiterdenken angeregt.“

Text und Bilder: Claudia Brandt